Perfektionismus ablegen oder nicht?  Wir alle kennen Menschen, die mit Stolz von sich behauptet „Ich bin Perfektionist“.  Vielleicht bist du ja selbst einer! Fährst du gut damit oder fühlst du dich dadurch behindert? Möchtest du deinen Perfektionismus ablegen oder bist du der Meinung, dass dieser dich erst so richtig stark macht?

Im populärwissenschaftlichen Diskurs und im Gesundheitsbereich kommt der Perfektionismus allgemein schlecht weg. Sein Ruf als einer der Hauptauslöser von Stress und diversen anderen seelischen Schieflagen, scheint unantastbar. Grund genug, dem Thema Perfektionismus durch eine differenzierte Betrachtung genauer nachzugehen.

Guter Perfektionismus – schlechter Perfektionismus

Solltest du Perfektionist sein, dann musst du dir unbedingt die beiden nachfolgenden Fragen stellen:

1. Legst du mit deinem Perfektionismus die Messlatte des eigenen Leistungsanspruchs so hoch, dass du dich überfordert fühlst und nie wirklich ins Ziel kommst?

Oder

2. bist du der Meinung, dass dich dein Perfektionismus erst recht stark und erfolgreich macht und dir einen Kompetenzvorsprung vor andere Menschen sichert? Eine möglichst genaue und ehrliche Antwort ist wichtig. Denn nur im ersten Fall musst du dir überhaupt Gedanken darüber machen, ob und wie du deinen Perfektionismus ablegen bzw. überwinden kannst.

 

Was bedeutet Perfektionismus?

Der Begriff Perfektionismus ist zunächst einmal wertneutral. Er bedeutet den Anspruch zu haben, eine Aufgabe auch im Detail wirklich sehr gut zu machen. Erreichst du dabei auch regelmäßig deine Ziele in angemessener Zeit und fühlst dich unterm Strich wohl dabei, dann ist das doch “perfekt”! Das bezeichnet man als gesunden bzw. funktionalen Perfektionismus.

Bitte ändere daran nichts. Dieser Perfektionismus macht dich stark und besser als andere!

Als ungesunden bzw. krankhaften Perfektionismus bezeichnet man einen unrealistischen, überzogenene Leistungsanspruch, der dich letztlich nie wirklich zum Erfolg kommen lässt.

Unter den Protagonisten unserer Leistungsgesellschaft ist das Image des Perfektionismus eigentlich gar nicht negativ, zumindest in der Außendarstellung. Perfektionistisches Denken und Handeln wird dort gleichgesetzt mit Stärke und Kompetenz und hat sogar die Funktion als eine Art Statussymbol. Ich bin Perfektionist, also bin ich ein absoluter Könner. Innerlich scheint aber so mancher damit zu hadern, weil er sich eben doch damit oft selbst im Weg steht.

Perfektionist ist daher nicht gleich Perfektionist!

Wie betrachtet die Wissenschaft das Thema? Dort behilft man sich mit einer begrifflichen Differenzierung. Der ungesunde, dysfunktionale Perfektionismus wird hier als Neurotizismus interpretiert. Neurotizismus bezeichnet das Ausmaß an emotionaler Labilität. Diese zeigt sich an durch ein geringes Selbstvertrauen, Angst vor Fehlern, hoher Stresslevel, Neigung zur Negativität, Unsicherheit, Unzufriedenheit und Verlegenheit.

Der funktionale, also positive Perfektionismus wird als Gewissenhaftigkeit bezeichnet. Diese steht für Zuverlässigkeit, Verantwortung und Disziplin.

Beide Begriffe sind Bestandteil des bekannten Big Five Persönlichkeitstest.

Entscheidend für die Frage, ob du deinen Perfektionismus ablegen solltest und ob du dir überhaupt Gedanken darüber machen solltest, wie du Perfektionismus überwinden kannst, sind die Perfektionismus Ursache und die daraus resultierenden Auswirkungen auf dein Wohlbefinden und deinen Erfolg.

Perfektionismus Ursachen herausfinden

Es lohnt sich daher herauszufinden, welches die Ursachen deines Perfektionismus sind. Das kannst du, in dem du die folgenden 2 Fragen spontan beantwortest:

  1. Wie würde es sich für mich anfühlen, wenn ich eine Aufgabe einmal nicht zu hundert Prozent erfülle?
  2. Bin ich Perfektionist, weil es mir Spaß macht eine Aufgabe möglichst gut zu erfüllen oder möchte ich primär den Erwartungen anderer entsprechen?

Wenn du bei Frage 1 schlechte Gefühle wie Angst, Ärger, Unsicherheit oder gar großen Stress empfindest und bei Frage 2 primär die Erwartungen anderer erfüllen möchtest, dann ist das ein Anzeichen für die eher negative Variante des Perfektionismus.

Eine weitere gute Möglichkeit ist, ein Feedback von Personen, die dich gut kennen, einzufordern. Frage Freunde, Kollegen oder den/die Partner/in ob die deinen Art der Perfektion eher negativ, störend oder hinderlich sehen. Ein ehrliches Feedback hier ist Gold wert!

Perfektionismus ist besser als sein Ruf

Die eins zu eins Gleichsetzung des Perfektionismus mit Neurotizität halte ich mit Blick auf die Selbstkompetenz eines Menschen für fraglich. Perfektionismus generell zu verteufeln ist gerade in der Arbeitswelt auf keinen Fall zielführend. Und dafür gibt es zahlreiche Gründe:

  • Wir leben in einer Zeit, in der Wissen immer mehr ein Abwertung zu Gunsten der schnellen Umsetzung erfährt. Diese ist zwar enorm wichtig, sollte aber nicht dahingehend interpretiert werden, dass Qualitätsverluste oder Abstriche im Ergebnis zur Norm werden.
  • Wir können gar nicht genug echte Expertise haben, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. In einer Gesellschaft mit hohem Bildungs- und Innovationsanspruch, dürfen wir uns auf keinen Fall mit der Copy-and-Paste-Mentalität des Internets begüngen. Diese führt nämlich dazu, das sich Halbwissen und Halbwahrheiten gefährlich schnell verbreiten und zum Standard erklärt werden.
  • Zudem gibt es zahlreiche Beruf, bei denen Perfektion das Maß der Dinge ist. Oder würdest du dich gerne in ein Flugzeug setzen, wo der Pilot es mit der Landung nicht so genau nimmt? Auch der Chirurg kann gar nicht perfektionistisch genug sein. Zumindest wenn er operiert!
  • Die ausufernde “Fellgood-Welle” in Unternehmen hat einen großen Anteil am schlechten Image des Perfektionismus. Topleistung rückt zugunsten eines pauschalen Wohlfühl-Diktats  in den Hintergrund.
  • Es gibt so viele Berufe wie z.B. der Bildhauer, bei denen der Protagonist erst durch die Gestaltung der Details ein vollkommenes Werk schafft. Nur dadurch hat man die Nase vorn vor den Mitbewerbern.
  • Viele große Erfindungen sind nur entstanden, weil der Innovator erst nachdem auch das letzte Detail gestimmt hat, wirklich zufrieden war. Spitzenleistung unterscheidet sich oftmals nur durch ein kleines, aber entscheidendes Detail.

Vor dem Hintergrund dieser Argumente wird deutlich, dass die Frage ob Perfektionismus ablegen oder nicht, nur differenziert beantwortet werden kann.

Wann solltest du Perfektionismus ablegen?

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Wenn du der Meinung bist, dass er dir mehr schadet als nützt. DU bist die alleinige Entscheidungsinstanz. Du kannst selbst am besten einschätzen und bewerten wie sich deine “Lust am perfekt sein” im Leben bewährt oder auch nicht. Und diese Bewertung kann in einzelnen Lebensbereichen durchaus unterschiedlich ausfallen. Es ist nämlich durchaus möglich, dass du z.B. im Job ein hohes Anspruchsdenken hast,  weil es dort gebraucht wird,  privat aber gerne entspannt und locker unterwegs bist. Dieses Differenzieren ist nicht nur in Ordung, sondern sogar ideal. Nur im letzten Fall solltest du dir überhaupt Gedanken darüber machen, wie du Perfektionismus ablegen kannst.

Du brauchst dir keine Gedanken zu machen deinen Perfektionismus abzulegen, wenn:

  • Es dein Anspruch ist, deine Sache auch im Detail wirklich gut zu machen, du aber gleichzeitig weißt, wann gut eben auch gut genug bedeutet.
  • Es für dich kein Problem ist, dass es andere Menschen gibt, die in deinem Bereich besser sind als du.
  • Du dich nicht in unwichtige Details verläufst, sondern das Ganze im Blick behältst.
  • Du dich an dem Ergebnis erfreuen und es ausgiebig genießen kannst.
  • Du deinen Leistungsanspruch nicht überwiegend als negativen Stress, sondern eher als Antrieb empfindest.
  • Du denkst: „Ich will der Beste sein, aber nicht um jeden Preis“.
  • Du beliebt bist und andere Menschen gerne mit dir zu tun haben.

Funktionale Perfektionisten sind absolute Profis auf Ihrem Gebiet und  bereit ihr Bestes zu geben ohne den Anspruch zu haben, immer der Beste zu sein! Sie erkennen, wenn Aufwand und Erfolg nicht mehr in einem akzeptablen Verhältnis zueinander stehen. Sie genießen  Herausforderung und wollen auch richtig gefordert werden. Dann blühen Sie auf. Druck spornt sie zu Höchstleistungen an.

Diese Form von Perfektionismus ist absolut in Ordnung bzw. sogar notwendig, um erfolgreich zu sein. Gesunder Ehrgeiz treibt an und macht stark. Das ist für mich gelebte Professionalität. Als solche bezeichne ich gerne die gesunde Perfektion. Anders sieht es aus, wenn du es mit deinem Leistungsanspruch dauerhaft wirklich übertreibst. Dann solltest du definitiv daran arbeiten und den schädlichen Teil deines Perfektionismus überwinden.

 

15 Anzeichen dafür, dass du es mit dem Perfektionismus übertreibst:

  1. Du bist detailversessen und immer bestrebt,  selbst das unwichtigste Detail deiner Arbeit noch möglichst perfekt zu machen.
  2. Wenn du deine Aufgabe abgeschlossen hast, bist du nie so wirklich zufrieden mit dem Ergebnis.
  3. Du kannst eine Sache nie wirklich abschließen und auch nur sehr schwer loslassen.
  4. Du hast den Anspruch immer und überall der Beste zu sein.
  5. Du bist so sehr mit dir selbst beschäftigt, dass du die Bedürfnisse anderen Menschen kaum wahrnimmst.
  6. Es fällt dir schwer, Kompromisse einzugehen. Für dich gibt es nur richtig oder falsch.
  7. Andere Menschen geben dir zu verstehen, dass du ihnen mit deinem Perfektionismus auf den Geist gehst.
  8. Du bist nicht wirklich erfolgreich oder glaubst selbst, immer noch besser werden zu müssen.
  9. Du erreichst öfter nicht dein Ziel und komms dir häufig vor, wie der „Esel mit der Möhre“
  10. Die Annahme von Lob  fällt dir schwer, weil du denkst, dass es nicht ernst gemeint ist.
  11. Du hast große Angst davor Fehler zu machen und bist eher risikoscheu und wenig kreativ.
  12. Du tust dir schwer mit dem Treffen von Entscheidungen und versuchst immer, soviele Detailinfos wie möglich zu bekommen.
  13. Du traust anderen nicht zu, die Aufgabe so gut zu erledigen wie du selbst.
  14. Du kannst nur schwer nicht loslassen und hast eine Tendenz zum Kontrollzwang.
  15. Du neigst dazu, dir unrealistische Ziele zu stecken.

Solltest du dich bei mehr als der Hälfte der Perfektionismus-Marker wiederfinden, solltest du daran arbeiten deinen Perfektionismus abzulegen oder zumindest etwas abzumildern.

Achtung!!

Die Übergänge vom gesunden zum ungesunden Perfektionismus sind fließend. Daher fällt es den Betroffenen meist schwer rechtzeitig zu erkennen, wann ihr Perfektionismus sie letztlich eher behindert.

 

Perfektionismus ablegen –  mit diesen 5 Denkanstößen gelingt es dir

Fairerweise möchte ich dir an der Stelle sagen, dass du einen ausgeprägten, dysfunktionalen Perfektionismus nicht von heute auf morgen ablegen kannst. Du hast diesen schließlich über Jahre oder Jahrzehnte kultiviert. Er ist ein Teil von dir und tief in deinem Denken, Handeln und Fühlen verwurzelt. Du musst also geduldig sein und das Perfektionismus ablegen regelmäßig üben.

 #1 Ergründe deine Motive

Hinter perfektionistischem Verhalten steht immer ein Motiv, warum man sich so verhält. Perfektionimus ist Ursache und Folge zugleich. Krankhafter Perfektionismus ist Ursache für vielfältige seelische Leiden, aber auch für weitgehende Erfolglosigkeit trotz des großen Arbeitsaufwands der betrieben wird.

Als Folge tritt er häufig aufgrund mangelnden Selbstwertgefühls und der Angst zu Versagen auf. Das sind deine beiden Stellschrauben, die du in dem Fall angehen solltest. Ansonsten betreibst du nur Symptombekämpfung.

Wie du gezielt dein Selbstwertgefühl aufbauen kannst erfährst du in Kürze in einem  anderen Artikel.

#2 Verändere deine Denkmuster und innere Einstellung

Die Veränderung deines Anspruchdenkens ist ein mächtiges Mittel. Entlarve deine typisch perfektionistischen Denkmuster. Die lauten häufig „Wenn ich nicht perfekt bin, bin ich ein Versager“, „Um Erfolg zu haben muss ich perfekt sein“, „Ich muss perfekt sein weil ich mich sonst nicht gut fühle”.

Entlarve solche Denkmuster als nicht zutreffend. Schaue dir erfolgreiche Menschen an. Die sind alles andere als perfekt. Sie sind professionell, aber mit Ecken und Kanten. Stelle dir vor wie gut es sich anfühlen wird, einfach einmal Fünfe gerade sein zu lassen.

Nutze Denkmuster wie z.B. „Es reicht vollkommen aus wenn ich mein Bestes gebe und das Projekt zu einem Erfolg führe“.  „Wenn ich nicht perfekt bin, wirke ich auf viel Menschen sympathischer“. „ Niemand erwartet von mir perfekt zu sein.“

Eine prima Technik, um deine Denkmuster nachhaltig zu verändern, ist die mentale Umprogrammierung.

 

#3 Setze und akzeptiere einen Optimalpunkt

Bei jedem Arbeitsergebnis könnte man noch minimale Verbesserungen erreichen. Aber irgendwann muss es einfach gut sein. Sonst wirst du nie fertig. Würde ich so nicht denken, würde auch dieser Artikel z.B. nie fertig werden.

Du musst dir einen definitiven Schlusspunkt setzen. Hast du diesen erreichtst hörst du sofort auf. Auch wenn dir danach noch tausend Dinge einfallen, die du noch optimieren könntest. Du lässt es bleiben. Der Aufwand um das letzte Quäntchen Optimierung herauszuholen, steht meist in keinem vernünftigen Verhältnis zum Arbeits- und Zeitaufwand. Häufig führt das dann sogar zur „Verschlimmbesserungen“.

 

#4 Korrigiere deine Erwartungshaltung

Unrealistische Erwartungen haben meistens die Perfektionisten an sich selbst, nicht die anderen an die Perfektionisten. Fordere Klarheit ein, was andere von dir erwarten. Frage sie danach. Projiziere auf keinen Fall einfach so deine eigene (überzogene) Erwartungshaltung auf andere.  Übe dich darin, in dem du bei weniger wichtigen Aufgaben bewusst mit weniger zufrieden bist.

Übe dich darin imperfekt zu sein. Mache eine Sache ganz bewusst einmal weniger sorgfältig, als du es eigentlich könntest. Fange mit ganz banalen Dingen wie  z.B. Rasenmähen oder Zähneputzen an. Dann steigere dich und verzichte beispielsweise bei der nächsten Power-Point-Präsentation auf grafische Details. Damit trainierst du schrittweise dein Fähigkeit zum weniger perfektionistischen Verhalten.

 

#5 Konzentriere dich auf das Wesentliche

Die meisten Menschen verbringen viel Zeit damit sich mit Dingen zu beschäftigen, deren Anteil am Erfolg eher gering ist. Nach dem Pareto-Prinzip erreichen wir mit 20% unserer Anstrengungen ca. 80 % unserer Erfolge. Umgekehrt bedeutet das für die restlichen 20 % Erfolg müssen wir einen hohen Aufwand betreiben. Und der lohnt sich nicht.

Auch wenn das Pareto-Prinzip mittleweile für allesmögliche bemüht wird – es hilft dir, über die sogenannten A-Aufgaben Klarheit zu bekommen. Es ist auch völlig egal, ob es tatsächlich 80, 70 oder 85 Prozent sind. Wichtig ist, dass du dich auf die wesentlichen erfolgsbringenden Teilaufgaben konzentrierst. Damit steigerst du dein Effektivität ungemein, bleibst entspannter und gelassener.

 

Richtig gut zu sein ist in 99 % aller Fälle ausreichend. Für das verbleibende 1 % musst du häufig unverhältnismäßig hohe Anstrengungen unternehmen. Auf diesen Erfolgsabzug kann i.d.R. verzichtet werden. Dafür kaufst du dir viele andere Vorteile wie z.B. mehr Gelassenheit und Genussfähigkiet, weniger Druck und Stress, mehr Zeit für andere Dinge, mehr Lebensfreude und bessere Gesundheit ein. Und das führt wiederum zu einem dauerhaft höheren Leistungsniveau!